Bootsskelett

by hm 7. February 2011 10:34

Er hält inne auf seinem zügigen, frühabendlichen Marsch vom Hauptbahnhof durch zahllose Häuserfluchten zum weit entfernt im Norden abgestellten Auto. Eine riesige Hängematte mit einem Untergestell aus massivem, gebogenem Holz, fast wie ein Bootsskelett, fasziniert ihn. Das Holz hat eine schöne, dunkle Bräune – von Natur aus? Dazu im Kontrast das Naturweiß der gewobenen Fäden der Matte. Er versucht den Preis auf dem kleinen, braunen Papieretikett zu erkennen, aber auch Verrenkungen vor der Scheibe helfen nicht. Der Preis ist weggedreht; eher zufällig, wie ihm scheint. Nach ein paar Sekunden setzt er seinen Weg fort. Es ist noch eine ganzes Stück Weg bis zum Auto. Wenn er jetzt länger stehenbleibt, könnte ihm seine Schwäche, Erinnerung an die Erkrankung der letzten Wochen, bewusst werden.

Überraschend spricht ihn ein junger Mann von hinten an. Er hatte ihn schon vorher beiläufig bemerkt und sich über seine sonntägliche Anwesenheit im Geschäft gewundert. Der Mann hat die Tür aufgeschlossen und bietet ihm an, für einen Moment hineinzukommen. Nach einer Sekunde des Zögerns tritt er ein, aber nicht ohne fast entschuldigend zu bemerken, dass er sich die Hängematte wohl kaum würde leisten können. Eigentlich meint er, dass er für einen solchen Luxus im Moment kein Geld übrig hätte. Das scheint den jungen Mann nicht zu stören.

Mit zügigen Schritten geht er auf die Hängematte zu. Sieben Hundert und siebzig Euro sagt der Mann, wenn er sich recht erinnere. Er erwidert, dass er mehr vermutet habe. Nach kurzem Überlegen lässt er sich sitzend in sie fallen, da er dem freundlichen Mann längere Wartezeiten durch das Aus- und Anziehen der Schuhe ersparen will.

Die Matte gibt unter seinem Gewicht nur kurz leicht federnd nach und schwingt dann wieder in ihre Position. Instinktiv schließt er mit dem Fall die Augen. Vergehen 5 oder 10 Sekunden?

Die Musik wird ihm bewusst. Sie ist zu unruhig für sein Gefühl in diesem Moment. Der junge Mann bemerkt fast entschuldigend, dass sie in der Woche auch nicht gespielt würde. Kurze Blicke werden getauscht. Natürlich war die Bemerkung mit der Musik kein Vorwurf. Verstehen. Ein aufrichtiger Dank, Verabschiedung.

Weiter geht es in schnellen Schritten. Nachdenken über Motive. Freundlichkeit, guter Geschäftssinn, beides? Gespür für die Bedürfnisse anderer ... Umdrehen und ein Handyfoto. Durch die Geschwindigkeit verwischte Autos, das Geschäft in Ruhe.

 


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